Kennen Sie das auch? Sie gehen in ein Spielzeuggeschäft und links glitzert alles in Rosa, rechts dominieren Blau, Schwarz und Grün. Auf der einen Seite Einhörner, Prinzessinnen und Puppenküchen, auf der anderen Bagger, Dinosaurier und Ritter.
Man könnte fast meinen, Spielzeug hätte ein Geschlecht! Doch Kinder sehen das oft ganz anders. Sie interessieren sich nicht dafür, in welcher Abteilung sich etwas befindet, sondern greifen nach dem, was für sie spannend aussieht.
Denn Kinder begegnen ihrer Welt zunächst mit Neugier. Sie wollen ausprobieren, entdecken und Erfahrungen sammeln. Erst nach und nach lernen sie, welche Farben, Spielsachen oder Verhaltensweisen angeblich „für Mädchen“ oder „für Buben“ gedacht sind. Viele dieser Vorstellungen übernehmen sie nicht aus eigener Überzeugung, sondern aus den Botschaften, die ihnen ihre Umwelt täglich vermittelt. Bevor Kinder lesen oder schreiben können, lernen sie bereits erstaunlich viel darüber, was angeblich zu ihrem Geschlecht passt und was nicht. Sie beobachten aufmerksam, wie Erwachsene handeln, welche Rollen in Geschichten vorkommen, wer zuhause kocht, wer den Rasen mäht und wer im Rollenspiel immer wieder den Prinzen oder die Prinzessin spielt.
Sie lernen von Erwachsenen oder anderen Kindern, was sich „gehört“, es entstehen auf einmal unsichtbare Grenzen.
Doch weshalb werden diese Grenzen vermittelt?
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, ist es hilfreich, unsere eigenen, das ganze Leben lang erlernte Glaubenssätze, zu hinterfragen.
Also, Hand aufs Herz, was denken Sie, wenn …
ein kleiner Bub nach einem Streit in der Sandkiste weinend zu seiner Mama läuft?
ein Mädchen mit ölverschmierten Händen begeistert ihr Fahrrad repariert?
ein Junge stolz mit einem Puppenwagen durch den Garten spaziert?
oder wenn ein Mädchen in den Fußballverein geht?
Vielleicht denken Sie: „Das ist doch völlig normal.“
Vielleicht denken Sie aber auch einen kurzen Moment: „Das ist ungewöhnlich.“
Und genau dieser erste Gedanke ist interessant. Nicht, weil er richtig oder falsch wäre. Sondern weil er zeigt, wie tief gesellschaftliche Vorstellungen darüber verankert sind, was Mädchen und Buben angeblich mögen, können oder sein sollten.
Die meisten dieser Bilder haben wir nicht bewusst gewählt. Wir sind mit ihnen aufgewachsen und ordnen dadurch Menschen ein, ohne darüber nachzudenken. Diese inneren Vorstellungen helfen uns zwar, die Welt zu strukturieren, sie beeinflussen aber auch unsere Erwartungen an Kinder – oft unbewusst.
Umso wichtiger ist es, sie immer wieder zu hinterfragen – besonders dann, wenn wir Kinder begleiten. Denn Kinder brauchen keine Schubladen. Sie brauchen Erwachsene, die neugierig bleiben.
Geschlechtersensible Pädagogik beginnt nicht damit, Kinder zu verändern. Sie beginnt damit, die eigenen Vorstellungen über Mädchen und Buben zu hinterfragen.
Was also bedeutet geschlechtersensible Erziehung nun wirklich?
Sie gibt Kindern die Freiheit, ihre Interessen und Fähigkeiten unabhängig von Geschlechterklischees zu entwickeln
Dadurch entstehen im Alltag immer wieder kontroverse Diskussionen rund ums Thema, auch geprägt von Ängsten mancher Eltern und Großeltern. Eine Zusammenfassung der gängigsten Argumente gibt hier einen Überblick, um das Thema nach allen Seiten hin zu beleuchten.
Pros
Freie Persönlichkeitsentfaltung: Kinder können ihre eigenen Interessen, Hobbys und Stärken entdecken, ohne durch klischeehafte Rollenbilder eingeschränkt zu werden, wie z.B. „Mädchen spielen mit Puppen, Jungs mit Autos“
Gleiche Chancen und Selbstbewusstsein: Kinder lernen früh, dass kein Beruf und keine Eigenschaft an ein bestimmtes Geschlecht gebunden ist. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein und fördert Gleichberechtigung von klein auf.
Weniger Leistungs- und Anpassungsdruck: Der Zwang, bestimmte Erwartungen erfüllen zu müssen fällt weg, was emotionale Stabilität fördern kann, wie z. B. „Buben weinen nicht“ oder „Mädchen müssen brav sein“
Abbau von Geschlechterklischees: Durch eine neutrale Erziehung wird gelehrt, Menschen als Individuen wahrzunehmen und Vorurteile abzubauen.
Contras (Kritikpunkte & Herausforderungen)
Gefahr von Orientierungslosigkeit: Kritische Stimmen argumentieren, dass Geschlechterrollen Kindern Halt, Struktur und Orientierung bei der Identitätsfindung bieten können.
Sozialer Druck und Außenseiterrolle: Ein Kind, welches sich abseits der gängigen gesellschaftlichen Normen kleidet oder verhält, kann im Kindergarten oder in der Schule auf Unverständnis, Hänseleien oder Ausgrenzung stoßen.
Vernachlässigung biologischer Unterschiede: Einige Argumente verweisen darauf, dass es biologisch verankerte Tendenzen in den Interessen oder im Verhalten gibt und eine künstliche Neutralität der natürlichen Entwicklung entgegenwirken könnte.
Praktische Schwerumsetzbarkeit: Im Alltag (Medien, Spielzeugwerbung, soziales Umfeld) dominieren nach wie vor Geschlechterklischees. Eine rein neutrale Erziehung erfordert von den Eltern enormen Aufwand und lässt sich kaum vollständig durchziehen.
Wissenschaftliche Erkenntnisse
Um Ängsten entgegenzuwirken kann es hilfreich sein, sich an aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Thema geschlechtssensible bzw. geschlechtsneutrale Erziehung zu orientieren.
1. Geschlechtsidentität entsteht in erster Linie unabhängig vom Spielzeug
Entwicklungspsychologische Studien zeigen, dass Kinder meist zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr ein klares Bewusstsein für ihr eigenes Geschlecht entwickeln. Dieses innere Identitätsgefühl lässt sich durch geschlechtsneutrales Spielzeug oder Kleidung weder „verhindern“ noch beliebig steuern.
Kinder, die ohne starre Rollenbilder aufwachsen, entwickeln in der Regel eine genauso stabile Geschlechtsidentität wie Kinder in traditionellen Haushalten.
2. Höhere kognitive und soziale Flexibilität
Forschungen zur kindlichen Entwicklung belegen, dass Kinder aus klischeefreieren Haushalten flexibler im Denken sind.
Breiteres Interessensspektrum: Mädchen, die auch zum Bauen und Konstruieren angeregt werden, entwickeln im Schnitt ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen. Buben, denen emotionale Offenheit und Pflegeverhalten vorgelebt werden, zeigen höhere Empathiewerte.
Weniger Vorurteile: Diese Kinder übertragen Klischees seltener auf andere und zeigen weniger stereotype Bewertungen gegenüber Geschlechtern im Erwachsenenalter.
3. Reduzierter psychischer Stress
Studien zum sogenannten „Gender Role Strain“ (Druck durch Geschlechterrollen) zeigen, dass das Einzwängen in starre Verhaltensmuster Stress erzeugen kann.
Jungen unter starkem Druck, „keine Schwäche zu zeigen“, neigen im Verlauf ihrer Entwicklung eher zu emotionaler Verschlossenheit oder Aggression.
Mädchen unter starkem Anpassungsdruck zeigen häufiger ein geringeres Selbstbewusstsein in MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik).
Gendersensible Erziehung wirkt hier als Schutzfaktor für die mentale Gesundheit, weil emotionale Bedürfnisse unabhängig vom Geschlecht akzeptiert werden.
4. Der starke Einfluss von Gleichaltrigen („Peergroup“)
Soziologische Studien betonen regelmäßig, dass das Elternhaus nur einen Teil der Sozialisation ausmacht.
Ab dem Eintritt in den Kindergarten nimmt der Einfluss von Gleichaltrigen und Medien drastisch zu. Kinder beginnen in Gruppen von sich aus oft, Verhaltensweisen nach Geschlechtern zu trennen. Selbst kinderzentrierte, neutral erziehende Eltern stellen fest, dass Kinder diese gesellschaftlichen Muster aufgreifen und verarbeiten.
Wie kann nun gendersensible Erziehung im Alltag gelingen?
Die innere Haltung „Türen öffnen, statt Wege vorzuschreiben“ bewährt sich jedenfalls, denn es geht nicht darum, Rosa und Blau zu verbieten, sondern die gesamte Farb- und Handlungsvielfalt dem Kind zur Verfügung zu stellen.
Hier ein paar Ideen für den Alltag:
Freie Auswahl ermöglichen (ohne zu werten)
Das Spielzeug-Buffet: Zugang zu verschiedensten Spielmaterialien geben. Von Puppen und Küche bis hin zu Bausteinen und Autos.
Kleidung nach Funktion statt Abteilung: Kleidung nach Bequemlichkeit, Wetter und persönlichem Geschmack aussuchen lassen.
Sprache und eigene Vorbilder reflektieren
Eigenschaften statt Geschlechterstempel: Auf unbewusste Formulierungen achten. Statt „Du bist aber ein starker Bub!“ oder „Was für ein hübsches Mädchen!“ kann konkretes Verhalten gelobt werden: „Du hast da aber ausdauernd gebaut!“ oder „Das Bild ist wirklich bunt geworden.“
Alltagsrollen vorleben: Kinder beobachten sehr genau, wer im Haushalt kocht, handwerkt, sich um die Wäsche kümmert oder das Auto repariert. Wenn Aufgaben zwischen den Elternteilen unabhängig von alten Rollenbildern aufgeteilt werden, prägt das das Weltbild ganz von allein.
Gefühle ohne Geschlechtergrenzen: Alle Emotionen sind wichtig und richtig. Aussagen wie „Buben weinen nicht“ oder „Mädchen sollten nicht so laut sein“ durch empathisches Begleiten ersetzen: „Du bist gerade richtig wütend, das ist okay.“
Medien und Bücher bewusst gestalten
Rollenvielfalt im Bücherregal: Beim Vorlesen auf Geschichten, in denen Charaktere nicht nur Klischees bedienen achten (z. B. mutige Heldinnen, einfühlsame Helden, arbeitende Mütter, kochende Väter, …).
Gemeinsam hinterfragen: Klischees in Medien nicht komplett verbannen sondern gemeinsam darüber sprechen.
Souveräner Umgang mit Reaktionen von außen
Reaktionen aus dem Umfeld gehören zu den größten Hürden bei gendersensibler Erziehung. Meist stecken hinter Sprüchen wie „Das ist doch nichts für Buben/Mädchen!“ keine bösen Absichten, sondern tief sitzende eigene Glaubenssätze oder Unsicherheiten.
Das eigene Erziehungskonzept sollte demnach nicht vor dem Kind diskutiert oder gerechtfertigt werden. Ein einfaches „Wir finden, jeder darf spielen, womit er möchte“ reicht meistens aus. Zuhause kann dann in aller Ruhe mit dem Kind besprochen werden, dass manche Erwachsenen noch andere Vorstellungen im Kopf haben.
Das oberste Ziel sollte hier sein, das Kind zu schützen, ohne einen Grundsatzkrieg mit dem Umfeld anzuzetteln.
Hier ein paar Strategien für den Alltag im Umgang mit Familie, Kindergarten und Schule:
Strategien für Familie, Oma und Opa
Großeltern meinen es meist gut, haben aber oft noch alte Rollenbilder verinnerlicht. Hier hilft eine Kombination aus Klarheit und Wertschätzung.
„Ich-Botschaft“: „Mir ist es wichtig, dass (Name) sich ausprobieren darf. Wenn er/sie mit (Spielzeug/Kleidung) Spaß hat, lasse ich das einfach zu.“
Vorab-Absprachen bei Geschenken: Konkrete Wunschliste erstellen. Statt nur „Spielzeug“ zu wünschen, gezielt nach Dingen wie Bausets, Farbstiften, Hörspielen oder Outdoor-Equipment zu bitten.
Humorvolle Entschärfung: Bei Sprüchen wie „Der Bub wird doch verweichlicht!“, hilft oft eine Prise Leichtigkeit: „Ach, ein bisschen Mitgefühl hat noch keinem Mann geschadet!“
Strategien für Kindergarten und Schule
In Einrichtungen geht es meist um Strukturen, manchmal aber auch um einzelne Fachkräfte, die unbewusst Klischees bedienen.
Das ruhige 4-Augen-Gespräch: Ein Gespräch abseits von Tür und Angel suchen und Erziehungsziele klar formulieren, ohne die Fachkräfte anzugreifen.
Mit den Richtlinien argumentieren: Moderne Bildungspläne für Kinderbildungseinrichtungen und Schulen schreiben Geschlechtergerechtigkeit und individuelle Entfaltung vor.
Zusammenfassend kann man sagen, dass…
… Geschlechterrollen bereits früh im Alltag von Kindern entstehen und durch vielfältige Erfahrungen geprägt werden.
… Familie, Kinderbildungseinrichtungen, Gleichaltrige und gesellschaftliche Erwartungen gemeinsam beeinflussen, welche Vorstellungen Kinder entwickeln. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Vorstellungen nicht unveränderlich sind. Pädagogische Fachkräfte und Eltern können wesentlich dazu beitragen, stereotype Rollenbilder zu hinterfragen und Kindern neue Erfahrungsräume zu eröffnen.
… geschlechtersensible Pädagogik bedeutet, Kinder nicht auf vermeintlich typische Interessen oder Fähigkeiten festzulegen, sondern ihre Individualität in den Mittelpunkt zu stellen.
Genderneutrale Erziehung bedeutet vor allem: zuhören, offen bleiben und Vielfalt zulassen.
Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag zu einer demokratischen, respektvollen und inklusiven Bildungsarbeit, in der Vielfalt als Bereicherung verstanden wird und jedes Kind in seiner Einzigartigkeit Anerkennung findet.


